Der Fall Tanja Gräff
Ein junge Frau verschwindet im Anschluss an ein Sommerfest und taucht einfach nicht mehr auf, ihr Handy ist aus und kein Lebenszeichen ist zu vernehmen, ihre Familie und Freunde machen sich Sorgen und die Polizei wird eingeschaltet. Es folgen groß angelegte Suchaktionen und der Einsatz von Leichenspürhunden, ein Verbrechen wird immer wahrscheinlicher.
Sommer 2007
Dies alles begann und endete bis jetzt auf dem Sommerfest vom 6. Juni der Fachhochschule Trier (6Bands - 2,50€ Eintritt) und der darauf folgenden Nacht. Auf eben diesem Fest oder im Anschluss verschwindet die 21jährige Lehramtsstudentin Tanja Gräff und taucht einfach nicht mehr auf.
Als wäre das langsame Abklingen in den Medien und der immerwährende Aufschrei der Eltern von Madeleine McCann nicht schon genug, haben wir nun wieder einen Menschen mehr, der den grausamen Mythos "SpurlosVerschwunden" nährt, doch diesmal viel näher.
Die Ohnmacht hat aber auch ein anderes Medium erfaßt, das Internet! Google listet 96.300 Einträge für die Stichworte Tanja Gräff und im Fall Madeleine [Verschwand am 3.5.2007 in Portugal] sind es mehr als 1,3 Millionen.
Mediale Solidarität
Tanja ist unter anderem seit 08.07.2006 Mitglied im Studivz, Deutschlands größter OnlineStudentenCommunity. Dieser Tatsache ist eine ungewöhnliche Eigendynamik entsprungen. Wildfremde Studenten aus der gesamten Bundesrepublik schreiben auf Tanjas Pinnwand, das Spektrum reicht von tiefer Anteilnahme bis "looooos, ab nach Hause" und fast alle beginnen mit "Hallo Tanja, eigentlich kenne ich Dich gar nicht, aber..."
Über 3100 Einträge stehen seit ihrem Verschwinden auf ihrem Profil und es werden zu den Hauptzeiten der studentischen Kommunikation immer mehr.
Die meisten der Einträge sprechen sie direkt an und kommunizieren mit ihr(em Profil), eine neue Art des Umgangs mit einem verschwundenen Menschen. So als wäre dieses Profil, Teil ihrer medialen Identität; denn eigentlich ist es für viele Nutzer genau das!
Ausdruck statt Untätigkeit
Man macht sich Hoffnung in der eigens gegründeten Gruppe ["Tanja wird vermisst!"], die mittlerweile über 13 300 Mitglieder zählt und diskutiert über Informationen. Ihre FreundInnen organisieren die (Such)Aktionen, am heutigen 20.6. eine Lichterkette in Trier und der Druck von bundesweiten Flyern. Man bringt Anteilnahme zum Ausdruck und beleuchtet ein Thema, welches hoffentlich nicht allzuschnell aus dem Fokus verschwindet. Es ist die Angst vor der Gewissheit und der Verletzlichkeit, dass es scheinbar jeden treffen kann, die Community hat ihren ersten kollektiven Moment, welcher produktiv verarbeitet wird und vom üblichen "gegruschle" abweicht und ein seltsame Form der medialen Spiritualität erweckt.
Am Ende bleibt zu hoffen, dass ein Mitglied der "Nacktmullfans-Gruppe" auch ins reale Leben zurückkehrt, auf das viele Einträge und Mitteilungen wartet und keine Natascha Kapusch Story folgt.
Gute Nacht


stefanh am 15.Jan 26  |  Permalink
Nachtrag nach über 18 Jahren…
Wikipedia: ”Am 11. Mai 2015 wurden ihre sterblichen Überreste in Trier-Pallien unweit des Hochschulgeländes unterhalb des „Roten Felsens“ gefunden. Die Ermittlungen ergaben keine Hinweise auf ein Gewaltverbrechen, sodass von einem Unfall (Klippensturz) ausgegangen wurde. Das Ermittlungsverfahren wurde im Juni 2017 eingestellt.”